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Praktikum - Schnupperpraktikum

 Information 

1. Allgemeines

Der Start ins Berufsleben findet in der Regel über ein Ausbildungsverhältnis statt. Die Wahl des zukünftigen Berufs ist in diesem Fall meist endgültig. Das BBiG sieht bei Fehlentscheidungen immerhin noch die Möglichkeit vor, den Ausbildungsvertrag während der ein- bis viermonatigen Probezeitohne Kündigungsfrist von heute auf morgen wieder zu beenden. Ansonsten werden vor der Berufsfindung häufig so genannte Schnupperpraktika absolviert, die ein Kennenlernen von Praktikum- oder Arbeitgeber/Ausbilder und Beruf ohne rechtliche Bindung ermöglichen.

Praxistipp:

Arbeitgeber sind oft versucht, den Begriff "Schnupperpraktikum" großzügig auszulegen. Da soll dann jemand, natürlich ohne Bezahlung und trotzdem fest in die Arbeitsabläufe integriert, so seine Erfahrungen sammeln (und als billige Kraft arbeiten). Das geht arbeitsrechtlich schon nicht und wird sozialversicherungsrechtlich zu einem echten Problem - bis hin zu üppigen Beitragsnachforderungen der Versicherer. Wer hier auf Nummer sichergehen will, sollte Status- und Beitragsfragen vorab mit seiner Einzugsstelle oder der Deutschen Rentenversicherung klären.

Ein Schnupperpraktikum unterscheidet sich von einem echten Praktikum durch die Tatsache, dass es eine völlig freiwillige Angelegenheit ist. Auch Schülerpraktika, die Teil des Schulunterrichts sind, sind Schnupperpraktika - ohne vertragliche Bindung. Gegenüber einem Arbeitsverhältnis zeichnet sich ein Praktikum zum bloßen Hineinschnuppern dadurch aus, dass es keine Arbeitspflicht und keine Vergütungspflicht gibt und jederzeit beendet werden kann. Der Praktikant soll - bildlich gesprochen - nur in die Arbeitswelt hineinriechen und erste Erfahrungen sammeln. Danach kann er sich entscheiden, ob Praktikum- oder Arbeitgeber/Ausbilder und Beruf etwas für ihn sind.

2. Schnupperpraktikum und Berufsausbildung

Die Berufsausbildung wird durch das Berufsbildungsgesetz - BBiG - geregelt. Das Thema Praktikum wird dort nicht ausdrücklich angesprochen. "Berufsbildung" im BBiG-Sinn sind "die Berufsausbildungsvorbereitung, die Berufsausbildung, die berufliche Fortbildung und die berufliche Umschulung" (§ 1 Abs. 1 BBiG):

  • Berufsausbildungsvorbereitung"dient dem Ziel, durch die Vermittlung von Grundlagen für den Erwerb beruflicher Handlungsfähigkeit an eine Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf heranzuführen" (§ 1 Abs. 2 BBiG).

  • Berufsausbildung hat das Ziel, "die für die Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendigen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten (berufliche Handlungsfähigkeit) in einem geordneten Ausbildungsgang zu vermitteln" (§ 1 Abs. 3 BBiG).

Das klassische Schnupperpraktikum im Bereich Berufsbildung ist das Praktikum, das Schüler im Rahmen ihrer Schulausbildung absolvieren. Sie sollen vor ihrem Schulabschluss Gelegenheit haben, die Arbeits- und Berufswelt kennen zu lernen. Die Schulbestimmungen der Bundesländer sehen daher vor, dass Schüler während der Schulzeit ein- bis mehrwöchige Praktika in Betrieben machen. Sie bleiben während dieser Praktika Schüler. Das Praktikum ist eine schulische Veranstaltung. Diese (Schnupper)Praktikanten sind keine Arbeitnehmer oder Auszubildende im Sinn des BBiG.

Oft werden Schnupperpraktika zwischen Schule und Abschluss eines "richtigen" Ausbildungsvertrags vereinbart. Dabei ist Vorsicht angezeigt: Ausbildende haben Auszubildenden nach § 17 Abs. 1 Satz 1 BBiG eine "angemessene Vergütung zu gewähren". Qualifiziert man ein "Schnupperpraktikum" gar als Arbeitsverhältnis, kommt es für den Arbeitgeber noch dicker.

Beispiel:

Chantal-Cheyenne Knopp hat die Hauptschule abgeschlossen und ist seitdem auf der Suche nach einem adäquaten Ausbildungsplatz. Nach einem Jahr erfolgloser Bewerbungen bekommt sie das Angebot des Nagel- und Sonnenstudios Nailson Ltd., sie für ein halbes Jahr zu testen. Chantal-Cheyenne soll die Sonnenliegen putzen, Termine vereinbaren, Kunden empfangen und sie während eventueller Wartezeiten mit Getränken versorgen. Einsatzzeiten von Montag bis Freitag 10:00 Uhr bis 14:00 Uhr, 16:00 Uhr bis 20:00 Uhr, keine Vergütung. Frau Knopp ist keine Praktikantin, sondern Arbeitnehmerin. Sie hat eine echte Arbeitspflicht - die Nailson Ltd. muss ihre Leistung Arbeit bezahlen.

Praxistipp:

Es kommt nicht darauf an, was die Parteien wollen oder wie sie ihr Rechtsverhältnis bezeichnen. Entscheidend ist, wie es gelebt wird. Und da spricht alles für ein Arbeitsverhältnis, wenn bestimmte Arbeitszeiten vereinbart sind, der Arbeitgeber Weisungen erteilt und der "Schnupperpraktikant" einen Arbeitsplatz besetzt, auf dem sonst ein "echter" in die Betriebsabläufe integrierter Arbeitnehmer beschäftigt werden müsste.

Wegen der lohnsteuer- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen eines Schnupperpraktikums wird auf die Beiträge im Sozialversicherungs- und Steuerlexikon verwiesen.

3. Schnupperpraktikum und Arbeitsrecht

Im Arbeitsrecht gilt oft der Grundsatz alles oder nichts. Entweder ist ein Vertrag Arbeitsvertrag oder er ist es nicht. Ist ein Vertrag Arbeitsvertrag,

  • schuldet der Arbeitnehmer-Vertragspartner Arbeit

  • und der Arbeitgeber-Vertragspartner Arbeitsentgelt (§ 611 Abs. 1 BGB).

Arbeit und Arbeitsentgelt stehen in einem Gegenseitigkeitsverhältnis. Dieses Gegenseitigkeitsverhältnis sieht neben den beiden Hauptpflichten eine Vielzahl von Nebenpflichten vor. Sie bestimmen den Inhalt des Arbeitsverhältnisses - wie Gesetze, Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen und das Direktionsrecht.

Arbeitgeber sind oft unsicher, ob ein Arbeitnehmer/Bewerber für die Leistung Arbeit geeignet ist. Genauso unsicher sind Arbeitnehmer/Bewerber, ob Leistung Arbeit und/oder der Arbeitgeber für sie richtig sind. Das Gesetz bietet ihnen hier mit Ausnahme der Probezeit aus § 622 Abs. 3 BGB keine verlässliche Hilfe.

Beispiel:

Eva Euker-Liptoss war bisher in der Werbebranche tätig. Nach etlichen Monaten Arbeitslosigkeit findet sie in einer Online-Stellenbörse das Angebot eines Pharmaunternehmens, das sich auf Medikamente gegen Erkältungskrankheiten spezialisiert hat. Eva und ihr potenzieller Arbeitgeber vereinbaren, dass Frau Euker-Liptoss ein 2-wöchiges Schnupperpraktikum absolvieren soll, um herauszufinden, ob Arbeitgeber und Arbeit die richtigen sind.

Entscheidend für das gesetzlich nicht geregelte Schnupperpraktikum ist, dass keine Arbeitspflicht besteht und sich die Parteien nicht mit der Folge binden wollen, Arbeit gegen Arbeitsentgelt zu leisten.

Praxistipp:

Man kann als Arbeitgeber nicht alles haben. Es ist nicht sinnig, für das Schnupperpraktikum feste Arbeitszeiten und Tätigkeiten zu vereinbaren wie bei "echten" Arbeitnehmern. Wer seinen Schnupperpraktikanten zu viel abverlangt, läuft damit Gefahr, dass ein Arbeitsverhältnis bejaht wird. Das wiederum hat zur Folge, dass Entgeltansprüche entstehen und Sozialversicherungspflicht eintritt.

Wegen der lohnsteuer- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen eines Schnupperpraktikums wird auf die Beiträge im Sozialversicherungs- und Steuerlexikon verwiesen.

4. Rechtsprechungs-ABC

An dieser Stelle werden einige der interessantesten Entscheidungen zum Thema Schnupperpraktikum in alphabetischer Reihenfolge nach Stichwörtern geordnet hinterlegt:

4.1 Einfühlungsverhältnis - 1

Das Einfühlungsverhältnis unterscheidet sich von einem Arbeitsvertrag dadurch, dass in der unbezahlten Phase des Kennenlernens keine Pflichten des potenziellen Arbeitnehmers bestehen, insbesondere keine Arbeitspflicht. Der Arbeit Suchende unterliegt auch nur dem Hausrecht des Arbeitgebers und nicht dessen Direktionsrecht. Er soll nicht arbeiten, sondern die Möglichkeit haben, "die betrieblichen Gegebenheiten kennen zu lernen. Das Einfühlungsverhältnis ist kein echtes Arbeitsverhältnis, sondern ein loses Rechtsverhältnis eigener Art" (LAG Bremen, 25.07.2002 - 3 Sa 83/02).

4.2 Einfühlungsverhältnis - 2

Es ist grundsätzlich möglich, dass die Beteiligten im Rahmen ihrer Vertragsfreiheit vereinbaren, dass sich der potenzielle künftige Mitarbeiter im Betrieb aufhält, ohne dafür eine Gegenleistung - sprich: Vergütung - zu bekommen. Hierbei handelt es sich um ein so genanntes Einfühlungsverhältnis, das keine Arbeitgeberpflicht zur Zahlung von Arbeitsentgelt begründet. "Das Einfühlungsverhältnis ist kein echtes Arbeitsverhältnis, sondern ein loses Rechtsverhältnis eigener Art. Der Arbeitnehmer wird in den Betrieb aufgenommen, ohne seinerseits Pflichten zu übernehmen" (LAG Schleswig-Holstein, 17.03.2005 - 4 Sa 11/05).